Aus der Praxis

Wenn wir nicht krank sind – und das möchte ich als wichtigen Punkt voranstellen, da sich sonst alles ändert – aber wenn niemand im Haushalt krank ist, dann sind diese Tage besonders dazu geeignet, über unsere Beziehungen nachzudenken – so wir in einer Beziehung stecken. Auch das – wieder eine Voraussetzung. So wir aber in einer Beziehung zu einer Frau/einem Mann stehen, so leben wir seit rund fünf Wochen „in interessanten Zeiten“, wie die Chinesen sagen („Mögest du in interessanten Zeiten leben“ sog. „Chinesischer Fluch“, laut Wikipedia unter Umständen chinesischen Ursprungs – wie so vieles andere in diesen Tagen…). Nun sind diese Zeiten aus vielen Gründen „interessante Zeiten“, und wir werden mit Dingen konfrontiert, die wir so noch nicht kannten. Wer hätte noch im Februar gedacht, dass bald einmal ein vermummter Billa Einkauf ein gesellschaftlicher Höhepunkt sein könnte, und dass sich unsere kulturellen Bedürfnisse NICHT mit inbrünstig dahin geschmetterten Austria-Hymnen um 18 Uhr abspeisen lassen. Aber so ist das halt jetzt mal.

 

Aber auch Beziehungen stehen jetzt unter Beobachtung. Denn wir – wir beobachten sie genau – unsere Beziehung. Seit fünf Wochen sind wir mit den Wesen, die wir PartnerInnen nennen, innig unter einem Dach vereint. Wir gehen nicht ins Büro und wir gehen nicht mit Freunden aus. Wir verlassen NUR AUS VIER GRÜNDEN (Copyright Bundesregierung) die Wohnung – und alle diese Gründe, die Wohnung zu verlassen, führen uns alsbald wieder in dieselbe zurück. Die Beziehung, die wir eingegangen sind, stellt nun unser Goldfischglas dar, in dem wir Partner umeinander herumschwimmen – immer im Kreis – immer herum – immer im Kreis…

 

Viele Paare, die Beratung oder Paartherapie suchen, kommen ja wegen DER KOMMUNIKATION.

Nicht erst seit Klassikern wie „Frauen sind von der Venus und Männer vom Mars“ (Chis Evatt 2005) hat sich in unserer Wahrnehmung ein gewisses Verständnis für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern etabliert. Solche Unterschiede, früher tendenziell eher gleichgebügelt oder neckisch kleingeredet, nehmen in der gesellschaftlichen Diskussion immer breiteren Raum ein – und wenn ich als Mann manchmal auch eine gewisse Ermüdung ob der ständigen Wiederholungen von mehr oder weniger großen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen spüre, weiß ich doch, dass erst das Aufzeigen solcher Dinge die Aufmerksamkeit bringt, die dieses Thema auch braucht. Nun, auch in der „täglichen“ Paartherapie zeigen sich immer mehr solcher UNTERSCHIEDE…

 

Paare kommen gerne um an ihrer Paar-KOMMUNIKATION zu arbeiten. Sie/Er stellt fest, dass es immer öfter Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten, Streit in der Beziehung gibt. Es ist nicht mehr so wie früher – und jetzt muss endlich was gemacht werden – und ab mit uns zum Therapeuten… Wobei haben wir da nicht auch Ideale im Kopf? Immer noch werden „wortlos glückliche“ Beziehungen als Paradebeispiel einer gelungenen Beziehung verstanden. Je weniger gesprochen wird, desto glücklicher die Beziehung? So war das ja angeblich auch bei Opa und Oma, Papa und Mama… Dass das bei uns nicht so ist, treibt uns schnell zum Paartherapeuten, der uns reparieren, uns wieder „harmonisieren“ soll – auf dass wir dann bis zum Ende unserer Tage wortlos glücklich vereint sind…

  

Na ja, ich denke nicht. In vielen Gesprächen haben wir festgestellt, dass Schweigen nicht automatisch auch Zustimmung bedeutet. Manchmal ist Schweigen eben auch nur der Ausdruck von Überforderung oder Resignation. Ja, die Paarkommunikation wird holpriger, da haben sie schon recht, die Paare. Das bedeutet aber auch, dass heute manche Dinge eher ausgesprochen werden. Dinge, die früher vielleicht einfach runtergeschluckt worden wären. Klar, die Paarkommunikation ist wohl auch ein Ringen zwischen den Partnern, ein „Fight for Attention“, ein Wettstreit darum, wer besser ist – oder auch nur, wer in der Beziehung mehr leidet. Ich denke aber auch, dass die Sprache des Paares, ihre Kommunikation miteinander, ihr tägliches Umgehen im Alltag, das Diagnostikum der Beziehung in diesen Zeiten ist, in denen wir erkennen, dass Harmonie in der Beziehung nicht mehr oberste Priorität ist. In solchen Zeiten ist Paarkommunikation wohl auch das „Fieberthermometer“ unserer Beziehung, das uns zeigt, wie es um uns und unsere Beziehung bestellt ist. Und da geht´s halt auch manchmal heiß her, stimmt schon! Aber ist das denn automatisch schlecht?